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Wir waren Könige

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Story/Handlung von Wir waren Könige

Kevin (Ronald Zehrfeld) und Mendes (Mišel Matičević) führen einen Trupp des Sondereinsatzkommandos der Polizei. Gemeinsam haben sie ein eingeschworenes Team aufgestellt, das beruflich und privat harmoniert. Bis allerdings eine als Routine eingeschätzte Stürmung einer Wohnung aus den Fugen läuft. Einer der Beamten wird schwer verletzt, zwei Verdächtige sterben, einer flüchtet. Beim Eintreffen der Spurensicherung fallen einige Teammitglieder zudem verdächtig auf, was die Sicherstellung von Beweismitteln angeht. Spätestens jetzt verläuft das Berufsleben für das Team auf steinigerem Weg. Die Gewalt gegenüber der Polizei nimmt stetig zu und das Innenministerium will reziprok proportional aus Kostengründen die SEK-Einheiten reduzieren. Gewaltbereite Jugendgangs gewinnen an Selbstbewusstsein und allen voran die Truppe um Jacek (Frederick Lau) übertritt fast konstant das Gesetz. Im Gegensatz zu ihnen ist eine zweite Gang um den sich auf Bewährung in Freiheit befindenden Thorsten (Tilman Strauß) und seinen besten Freund Ioannis (Oliver Konietzny) bemüht, den schwelenden Bandenkrieg nicht ausbrechen zu lassen. Der junge Nasim (Mohamed Issa) versucht derweil, sich einer der beiden Gruppen anzuschließen.

All das ist für das SEK-Team um Kevin und Mendes schon schlimm genug, doch kurz darauf werden auch noch zwei ihrer Kollegen ermordet aufgefunden. Da die Dienstwaffe eines der beiden Toten fehlt, beginnt die Suche danach, im Glauben, so den Täter zu finden. Stattdessen kreuzen sich immer öfter die Wege der Polizei und der Jugendgangs, die mittlerweile auch untereinander immer mehr zu Übergriffen neigen, woran Nasim nicht ganz unschuldig ist. Mit zunehmend angespannter Situation verlieren alle Beteiligten zusehends die Kontrolle – Ethik, Moral und das Gesetz bleibt nun immer häufiger auf der Strecke.

Filmkritik zu Wir waren Könige

Hätten wir die Sprache, bräuchten wir die Waffen nicht 5. Juni 2015 | von

„Redet doch einfach mal miteinander!“, möchte man den Figuren in Wir waren Könige zurufen, denn die ständigen Missverständnisse durch naive Loyalität ziehen sich als der berühmte rote Faden durch fast den ganzen Film. Der impulsiv entstehende, blinde Hass aufeinander und auf andere Gruppen zieht alle Charaktere immer tiefer in den Sumpf aus Selbstjustiz und Gewalt. Dass dabei irgendwann kein Unterschied mehr zwischen den vermeintlich Gesetzlosen und den Gesetzeshütern auffällt, zeichnet eine erschreckend glaubwürdige Atmosphäre der Situation in den Problemvierteln des Landes. Insbesondere die Selbstverständlichkeit der gegenseitig ausgeübten Gewalt wirkt angesichts der immer wieder in den Medien thematisierten Übergriffe von Gruppen auf zahlenmäßig unterlegene Opfer nicht übertrieben. Selbst auf der Spitze der Eskalation stellt sich nicht das aus vielen Hollywood-Blockbustern bekannte Gefühl ein, dass es jetzt doch etwas unrealistisch wird. Dazu gelingt es Leinemann hervorragend, die zwischenzeitlich ruhigeren Szenen so in die Dynamik der Handlung einzubetten, dass sich der Eindruck einer ziemlich rasanten Geschichte einstellt.

Die Authentizität der Figuren gelingt zum einen dadurch, dass Leinemann mit einigen echten SEK-Beamten privat bekannt ist, die ihn und die Schauspieler im Vorfeld möglichst real vorbereiteten. Dadurch gelingt Leinemann das Erreichen des im Making-Of geäußerten Ziels, seinem Publikum etwas mitzugeben und es durch den Film zum Nachdenken anzuregen. Denn unweigerlich stellt sich die Frage, ob und wie viel der hier gezeigten Story tatsächlich realistisch ist. Obwohl der Film an Gewalt nicht spart, ist diese übrigens gar nicht so extrem brutal. Vielmehr ist ihre zugrundeliegende Motivation das, was diesen Thriller so hart und barbarisch macht.
Nun mag der ein oder andere kritisieren, dass die zugrundeliegenden Fälle zugunsten des Fokus auf die Dynamik innerhalb der einzelnen Gruppen etwas auf der Strecke bleiben. Allerdings konzentriert sich der Film eben ganz bewusst auf diese internen Spannungen und muss sich wahrlich nicht vorwerfen lassen, dabei unlogisch oder unglaubwürdig vorzugehen. Die gezeigten Konsequenzen wären allerdings eine ziemlich beängstigende Wirklichkeit.

Beängstigend gut allerdings ist das Ensemble des Films. Mit den Hauptdarstellern Ronald Zehrfeld und Mišel Matičević ist eine verdammt starke Besetzung gelungen, die die Entwicklung ihrer Charaktere punktgenau umsetzt und dabei einen Großteil der bekannten deutschen Schauspielerriege in Sachen Wandlungsfähigkeit ganz weit in den Schatten stellt. Hervorragend ergänzt werden sie dabei von den nicht weniger relevant auftretenden Tilman Strauß, Frederick Lau und Oliver Konietzny. Auch der junge Mohamed Issa spielt seine Rolle trotz fast nicht existenter Schauspielerfahrung auf hohem Niveau und kann mit den deutlich erfahreneren Kollegen mithalten. Im Laufe des Films spielen sich auch Samia Muriel Chancrin als verzweifelt um Moral kämpfende Streifenpolizistin und der immer wieder grandiose Hendrik Duryn als Brandes (Kevins loyalster Kollege) in den Vordergrund, der mit fortschreitender Handlung eine immer wichtigere Rolle innerhalb der SEK-Truppe übernimmt.

Auch technisch ist Wir waren Könige positiv zu bewerten. Das Bild ist trotz vieler anspruchsvoller Szenen mit viel Dynamik und dunklem Setting sehr scharf und Detail sind gut zu erkennen. Der kalte Filter sorgt für eine trostlose Stimmung, die in dem Problemviertel, in dem die Story spielt, mehr als angemessen ist. Ton und Musik sind wie der Rest von Wir waren Könige aller Ehren wert, selbst in den häufig unübersichtlichen Begegnungen der diversen Gruppen gehen Dialoge nicht unter. Lediglich das Bonusmaterial hätte gerne länger sein dürfen, zeigt es doch mit einem extrem interessanten Making-Of (ca. 20 Minuten) jede Menge Potenzial. Leider ist außerdem nur noch der Trailer dabei, der allerdings auch extrem gut gemacht ist und nicht wie so oft die Highlights des Films herausgepickt hat – dafür hätte die Trailerlänge aber auch ohnehin nicht gereicht.

Fazit

Mit Wir waren Könige zeigt Regisseur Philipp Leinemann, dass die deutsche Filmindustrie mehr kann als überteuerte Komödien, die einen nicht länger als für die tatsächliche Laufzeit beschäftigen. Mit seinem Thriller packt Leinemann sein Publikum sofort – dem extrem spannenden Einstieg sei dank – und lässt es nicht mehr los. Das extrem starke Ensemble trägt seinen Teil zur gelungenen Umsetzung der knallharten Story bei und sorgt dafür, dass Wir waren Könige durchaus zu den stärksten deutschen Filmen der letzten Jahre gezählt werden darf.

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