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The Florida Project

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  • Prokino
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Story/Handlung von The Florida Project

Schon mit ihren sechs Jahren ist die kleine Moonee (Brooklynn Prince) ein wahres Temperamentbündel. Nur wenige Kilometer vor den Toren der berühmten Disneyworld wächst sie in Orlando, Florida auf. Hier wohnt sie mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) im „The Magic Castle Motel“ direkt an einer von hohem Verkehrsaufkommen geprägten Highway.  In der nicht besonders kinderfreundlichen Umgebung versucht Halley mit unkonventionellen Methoden, das Leben mit ihrer Tochter irgendwie zu meistern. Für Moonee und ihre Freunde ist die Welt um sie herum allerdings weniger trostlos als vielmehr ein einziger, aufregender Abenteuerspielplatz, den sie unter den wachsamen Augen von Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) jeden Tag aufs Neue für sich entdecken.

Filmkritik zu The Florida Project

Jenseits des American Dream 31. Juli 2018 | von Martin Sowa

In den Sechziger Jahren galt das kalifornische Disney Land als Paradebeispiel eines Freizeitparks. Die logische Folge: Ein Gegenstück an der Ostküste der USA. Disney wählte Orlando in Florida als Standort und schuf innerhalb weniger Jahre Disney World – während der Bauphase bekannt als „Florida Project“. Der Coup gelang, doch die Gegend rund um das ambitionierte Projekt entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte zum krassen Gegenteil des Freizeitparadieses. Im Fokus dieser Parallelwelt steht das Motel „Magic Castle“ stellvertretend für die Ambivalenz zwischen dem American Dream und der Realität. Im löchrigen Sozialsystem kämpfen auf der einen Seite der Straße die von Armut betroffenen Menschen Tag für Tag um das nötige Kleingeld für Miete und Essen, während nur einen Steinwurf entfernt die Besserverdienenden die Traumwelt von Disney World genießen. Die Fassade des Motels ist bunt gestrichen und mit dekorativen Zinnen verziert, in den Zimmern aber schimmeln die Matratzen und Ungeziefer erfreut sich der Tatsache, dass Kammerjäger dank Budgetkürzungen zu den seltenen Gästen zählen. Mehr Schein als Sein eben. So richtig magisch ist der hinter der Fassade triste Ort deshalb nur für die Kinder, die hier leben. Für sie ist ein Begriff wie „Existenzminimum“ unbedeutend und auch die Tatsache, dass sie nur noch einen Schritt von der Obdachlosigkeit entfernt sind, trübt ihre tägliche Lebensfreude nicht. Doch Regisseur Sean Baker vergisst nicht die Perspektive der Erwachsenen, allen voran Moonees Mutter Halley. Die selbst erst junge Erwachsene versucht überfordert, eine gute Mutter zu sein, kommt allerdings nur durch maximal halblegale Tätigkeiten oder Prostitution zu dem bisschen Geld, das ihr und Moonee den Verbleib im „Magic Castle“ sicherstellt. Zudem hat sie dadurch oft keine Zeit, sich um Moonee zu kümmern – der Teufelskreis der Armut.

Da wirkt es fast zwingend logisch, dass der von Willem Defoe verkörperte Motel-Manager Bobby derjenige Vertreter der Erwachsenen ist, der ein Auge auf die herumstreunenden Kinder hat. Nicht zuletzt, weil Defoe der einzige „richtige“ Schauspieler in „The Florida Project“ ist und damit in allen Belangen eine Leitfigur und Orientierungshilfe darstellt. Das gelingt hervorragend, seine Wirkung auf die jeweiligen Spielpartner ist deutlich zu spüren. Was in seiner Abwesenheit bisweilen unkonzentriert und hektisch wirkt, schwenkt in den Szenen mit Bobby zu kontrollierter Emotionalität, obwohl Baker seinen Darstellern auch viel Raum zur Improvisation einräumt – was sich in mehr als nur ein paar Szenen absolut auszahlt.

Fazit

Völlig zu Recht ist das sozialkritische Independent-Drama mit Preisen und Nominierungen (u.a. eine Oscar-Nominierung für Willem Dafoe als bester Nebendarsteller) überschüttet worden. Unter der Regie von Sean Baker spielt eine fast durchweg unerfahrene Darstellerriege mitreißend auf und sorgt beim Publikum für ein Wechselbad der Gefühle.

Regie

Sean Baker