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Schrotten!

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Story/Handlung von Schrotten!

Mirko Talhammer (Lucas Gregorowicz) hat es geschafft: Vor 15 Jahren hat er sich vom elterlichen Schrottplatz in der Provinz losgesagt und ist mittlerweile der erfolgreichste Makler in seiner Hamburger Versicherungsagentur. Dass seine Verkaufstaktik auf einem wackeligen Schneeballsystem basiert und die Grenzen der Legalität ziemlich strapaziert, hat zum Glück außer seinem ebenfalls involvierten Vorgesetzten noch niemand entdeckt. Trotzdem gerät Mirko langsam in Bedrängnis und natürlich tauchen ausgerechnet jetzt die beiden Schrotthändler Träumchen (Lars Rudolph) und Schmied (Heiko Pinkowski) bei ihm auf, um Mirko zurück nach Hause zu holen. Dass dieser wenig davon hält, kümmert die beiden allerdings wenig und Lust auf Diskussionen haben sie auch nicht. Kurzerhand wird Mirko ausgeknockt und erfährt nach für ihn sehr kurzer Fahrt, dass sein Vater gestorben ist und den Schrottplatz Mirko und dessen Bruder Letscho (Frederick Lau) vererbt hat. Der hat es Mirko auch nach all den Jahren nicht verziehen, dass dieser sich von der Familie abgewandt hat und steht dem unfreiwilligen Familientreffen ablehnend gegenüber. Zumal Mirko ernsthaft erwägt, den Schrottplatz an den größten Konkurrenten, den Recyclingunternehmer Wolfgang Kercher (Jan-Gregor Kremp), zu verkaufen – nicht zuletzt, um mit dem Geld seine Probleme in Hamburg zu lösen.

Der Rest der Familie lehnt einen Verkauf allerdings strikt ab und die den Schrottplatz verwaltende Luzi (Anna Bederke) kündigt Mirko stattdessen an, ihn auszubezahlen. Nun wird dieser skeptisch, denn erstens steht der Schrottplatz kurz vor der Pleite und zweitens ist der Talhammer-Clan nicht gerade ein Musterbeispiel für bürgerliches und legales Leben. Als Mirko dann auch noch von seinem alten Kumpel Rambo (Alexander Scheer) erfährt, dass Letscho einen großen Coup plant, quartiert sich Mirko doch auf dem heimischen Schrottplatz ein und findet heraus, was seine Familie vorhat: sie wollen einen Zugraub durchziehen und dabei 40 Tonnen Kupfer klauen. Und weil Mirkos Geldsorgen ziemlich groß sind und er weiß, dass seine Familie weder vom Plan abzubringen noch zur erfolgreichen Durchführung in der Lage ist, steckt er auf einmal doch wieder mittendrin in einer Welt, die er eigentlich für immer verlassen wollte…

Filmkritik zu Schrotten!

Western in der norddeutschen Provinz 20. Oktober 2016 | von

In seinem ersten Langfilm wagt sich Regisseur Max Zähle direkt an ein Werk, das sich nicht ohne Grund in Konkurrenz zu deutschen Kultfilmen à la „Lammbock“, „Bang Boom Bang“ oder „Was nicht passt, wird passend gemacht“ setzen lassen muss. Geldprobleme, improvisiertes Handwerk, der Traum vom Süden und viele andere bekannte Details tauchen auch in Schrotten! auf, obwohl Zähle sich primär auf das Thema Familienzusammenhalt und Heimat konzentriert. Dass in seinem „echten“ Regiedebüt, in dem Zähle sich außerdem gemeinsam mit seiner Frau Johanna Pfaff und dem erfahrenen Autor Oliver Keidel ums Drehbuch kümmerte, extrem viel Vorarbeit abseits dieser zentralen Inhalte steckt, geht leider etwas verloren. Allen voran die prekäre und authentische Situation der Schrotthändler ist als solche erst durch die kommentierten Deleted Scenes im Bonusmaterial erkennbar. Ansonsten wirkt Schrotten! gerne so, als hätte Zähle teilweise etwas zu stark am Romantik-Regler gedreht.

Allerdings wird der Verzicht auf einige relevante Szenen auch damit erklärt, die Handlung nachvollziehbar und klar strukturiert halten zu wollen. Und das gelingt definitiv, Schrotten! hält sein Publikum konsequent bei der Stange und wird weder langweilig noch (trotz einiger Auf und Abs) verwirrend. Dass die Story im Nachhinein betrachtet eigentlich sogar etwas vorhersehbar ist, vergisst man während des Films aber völlig – für abschweifende Gedanken bleibt bei dem Tempo und der mit perfektem Timing eingestreuten Dosis Humor einfach keine Zeit. Dazu trägt vor allem die ständige Begleitung Mirkos bei, wodurch der Zuschauer mit dem Protagonisten in die Story hineinwächst und sich nicht als unwissender Außenstehender vorkommt. Das beginnt mit dem schnöseligen Yuppie-Mirko im Hamburger Versicherungsbüro und endet beim doch wieder zum Schrotti mutierten Kerl, der Hemd und Krawatte auch wieder gegen den dreckverkrusteten Norwegerpulli eintauscht. Mirko ist ohne Frage die Hauptfigur von Schrotten! und Lucas Gregorowicz eine grandiose Besetzung. Seit seiner ersten „großen“ Rolle in „Lammbock“ an der Seite Moritz Bleibtreus hat Gregorowicz viel Erfahrung in Film, Fernsehen und Theater gesammelt, wodurch ihm die Verkörperung und Wandlung Mirkos scheinbar mühelos und absolut glaubwürdig gelingt. Keine Übertreibung, keine erzwungene Coolness – Gregorowicz zeigt eine grandiose Darbietung.

Ungleiche Brüder und eine starke Frau

An seiner Seite wird der immer gerne als cooler Typ besetzte Frederick Lau (zuletzt unter anderem in „Traumfrauen“, als sehenswerte Ausnahme gilt „Wir waren Könige“) in der Rolle von Mirkos heimatliebendem Bruder Letscho seinem Ruf gerecht. Wo Mirko greifbar ist, wirkt der eher praktisch denn theoretisch gebildete Letscho zwar immer etwas der wahren Welt entrückt (was angesichts seiner Lebensumstände allerdings auch wieder nachvollziehbar ist), bleibt dabei aber immer liebenswürdig und unbeirrt sich selbst treu. Die für die Tiefe der Story wichtigen entfallenen Szenen hätten auch Laus Figur gut getan und ihr mehr Profil verliehen – doch Letscho wirkt dadurch keineswegs unfertig oder sonstwie beschädigt. Dank Lau bleibt dann eben immer noch der coole Typ, den so schnell nichts umhaut. Zwischen diesen beiden ungleichen Brüdern steht allerdings auch eine selbstbewusste und tatkräftige Frau, nämlich die von Anna Bederke („Soul Kitchen“, „Tatort“) verkörperte Luzi. Die hat nicht nur den Schrottplatz im Griff (wenngleich sich Letscho als eigentlicher Chef sieht), sondern sorgt auch dafür, dass die Talhammer-Brüder wieder aufeinander zugehen. Besonders positiv fällt dabei auf, dass Bederke nicht einfach als hübsches Gesicht agiert (das sie trotz Schweißermaske natürlich trotzdem nicht ständig verbergen kann), sondern Luzi mit ihrem energischen Auftreten zu einer wichtigen und selbständigen Figur von Schrotten! macht.

Die teilweise etwas zu plakativ präsentierte Romantik trifft auch auf das Bild von Schrotten! zu, das klischeehaft die kalte Anonymität der Großstadt und die warme Geborgenheit des heimatlichen Schrottplatzes durch entsprechende Filter untermalt. Das leichte Korn hingegen passt gut zum Charakter der Schauplätze. Der bereits vielversprechende Vorgeschmack des Pressemusters wurde durch die finale DVD bestätigt: Schärfe, Kontrast und Bildruhe machen einen sehr positiven Eindruck.
Klanglich hat die 5.1-Spur von Schrotten! selten Grund zu energischem Auftreten, überzeugt aber immer wieder durch sehr gut platzierte Effekte, Naturgeräusche und harmonische Musik. Die bereits angesprochenen entfallenen Szenen im Bonusmaterial sind mindestens einen Blick wert und haben sich den Platz auf der DVD absolut verdient.

Fazit

Komödie, Krimi oder Heist-Movie? Viele Genres sind in Schrotten! vereint und das so gut, dass vermutlich jeder irgendwie Gefallen daran findet. Perfekt inszeniert und hervorragend gespielt muss Schrotten! die Vergleiche zu den großen deutschen Kultfilmen nicht scheuen, sondern liefert schlagkräftige Argumente, bald selbst als solcher zu gelten.

Watch|outs

Gesamt

84 %

Regie

Max Zähle