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Mörderland

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  • Koch Films
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Story/Handlung von Mörderland

1980 läuft die Demokratie in Spanien dem Franco-Regime langsam aber sicher den Rang ab. Das ganze Land steht unter Spannung, überall stoßen unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander. Auch die beiden Kriminalbeamten Pedro Suárez (Raúl Arévalo) und Juan Robles (Javier Gutiérrez) sind längst nicht immer einer Meinung. Der jüngere Pedro ist idealistisch und modern, der erfahrene Polizist Juan verlässt sich lieber auf die klassische Ermittlungsarbeit inklusive fragwürdiger und reichlich pragmatischer Methoden. Beide sind jedoch gleichermaßen wenig begeistert, als sie aus Madrid abgezogen und zur Aufklärung eines Vermisstenfalls ins südspanische Marschland am Unterlauf des Guadalquivir geschickt werden. Der unbequeme Auftrag fällt ausgerechnet den beiden zu, weil Pedro sich durch einen Leserbrief in Schwierigkeiten gebracht und Juan ohnehin von diversen unschönen Gerüchten umrankt wird. Dennoch nehmen beide professionell die Ermittlungen auf und verschaffen sich einen Überblick der Situation. Schnell stellen sie fest, dass gleich zwei jugendliche Schwestern vermisst werden. Wie fast alle Mädchen in ihrem Alter träumten sie von einer besseren Zukunft irgendwo außerhalb des Marschlandes. Der erste Verdacht, die beiden könnten schlicht von Zuhause ausgerissen sein, ist schnell entkräftet, als die Leichen der Mädchen am Fluss gefunden werden. Die Gewissheit eines Doppelmords macht die Arbeit der beiden Polizisten jedoch nicht einfacher, da nahezu alle Bewohner der Region misstrauisch und verschwiegen auftreten. Lediglich Rocío (Nerea Barros), die Mutter der beiden getöteten Mädchen, und der Dorfbewohner Jesús (Salvador Reina) kooperieren mehr oder weniger bereitwillig mit Pedro und Juan. Deren Verdacht fällt zunächst auf den Frauenheld Joaquín „Quini“ Varela (Jesús Castro) bis weitere Mordfälle mit ähnlichem Muster ans Licht kommen – und mit ihnen jede Menge düsterer Geheimnisse…

Filmkritik zu Mörderland

Mörderjagd im Sumpfgebiet 27. Oktober 2016 | von

Von der ersten Sekunde an macht Regisseur und Co-Autor Alberto Rodríguez klar, wohin die Reise geht: ganz tief hinein in ein trostloses Dorf im konservativen Hinterland eines zerrissenen und verstörten Spaniens. Die gegen Ende der Transición stattfindende Handlung macht aus diesem Hintergrund kein Geheimnis, bereits die ersten gesprochenen Worte thematisieren den politischen Umbruch und dessen (befürchtete) Folgen. Zu dieser Zeit war die Demokratie zwar schon auf dem Vormarsch, doch noch immer war der Einfluss der Franco-Diktatur spürbar. Vor allem junge Leute kämpften mit einer unsicheren Zukunftsperspektive und finanziellen Einschränkungen, während ältere Generationen den teilweise drastischen Neuerungen mitunter äußerst skeptisch begegneten. Dass Mörderland – La Isla Mínima in dieser Epoche angesiedelt ist, war allerdings ursprünglich gar nicht geplant – vielmehr war ein moderneres Setting beabsichtigt. Doch da in der Gegenwart zu viele Fragen offen geblieben wären und die Transición viele Parallelen zur Gegenwart aufweist, entschieden sich Rodríguez und sein Drehbuch-Partner Rafael Cobos schließlich für die vergangene Ära.

Interessant daran ist, dass die meisten Schauspieler in Mörderland – La Isla Mínima zum Zeitpunkt der Geschichte noch gar nicht geboren oder zumindest noch sehr jung waren. Dennoch wirkt niemand fehl am Platze, die beiden Hauptdarsteller Raúl Arévalo und Javier Gutiérrez bringen schon allein durch ihre Kleidung und die prächtigen Schnurrbärte ein authentisches Auftreten mit. Der jüngere Arévalo verpasst seiner ernst und konzentriert angelegten Figur einen zwischen Prinzipientreue und Frustration schwankenden Anstrich. Daran gibt es auch absolut nichts auszusetzen, allerdings liefert Gutiérrez als undurchsichtiger und erfahrener Cop eine noch spektakuläre Darbietung ab (was auch „schuld“ daran ist, dass die beiden Protagonisten alle anderen Figuren ziemlich in den Schatten stellen). Die bescherte ihm daher auch nicht zufällig eine ganze Reihe prominenter Auszeichnungen. Mit allen Wassern gewaschen präsentiert Gutiérrez einen unnachgiebigen und unerschrockenen Ermittler, der Gewalt grundsätzlich als sinnvolle Option erachtet. Besonders lobenswert ist allerdings der subtil eingewobene gesundheitliche Verfall seiner Figur, die damit unverhohlen den Zustand der von ihm vertretenen Ideologie symbolisiert. Aus diesem Grund ist der insgesamt natürlich naheliegende Vergleich zur US-Serie „True Detective“ auch ein wenig zu einfach. Mörderland – La Isla Mínima bietet genug Profil und eine selten erreichte Vielschichtigkeit, um sich ohne diesen Bezug einen Namen zu machen.

Begeisternde Beklemmung

Dafür sorgt vor allem die konstante Beklemmung, mit der das Publikum die beiden Ermittler begleitet. Ohne große Einleitung wird man in die Handlung katapultiert und erfährt erst durch die an Pedro und Juan gerichteten Instruktionen der lokalen Polizei, worum es eigentlich geht. Und hier beweist Rodríguez großes Geschick für Dramaturgie, indem er die begangenen Verbrechen nur am Rande thematisiert und sie stattdessen in die Köpfe der Zuschauer verlagert – manchmal ist die eigene Fantasie schließlich brutaler als gezeigte Gewalt. Auch die fast durchgängig undurchsichtigen Figuren in Mörderland – La Isla Mínima tragen dazu bei, dass man nach den ersten Begegnungen jedem Charakter eine düstere Geschichte zutraut. Die spektakuläre Bildsprache und die das Geschehen atmosphärisch perfekt unterstreichende Musik tragen ebenfalls in hohem Maße dazu bei, dass man selbst in den eigentlich unspektakulären Szenen unter Hochspannung steht – um kurz darauf beim Durchatmen erneut kalt erwischt zu werden. Wenn man überhaupt etwas daran kritisieren möchte, dann die teilweise ungewohnt beiläufige Auflösung der aufkommenden Fragen – hier muss man schon ziemlich aufmerksam am Ball bleiben, um nicht auf einmal verwirrt vorm Fernseher zu sitzen.

Technisch ist die Blu-ray von Mörderland – La Isla Mínima auf mindestens ebenso hohem Niveau wie die Story des Films. Obwohl die Handlung 1980 spielt, präsentiert sich das Bild extrem klar und detailliert. Die teilweise kühl oder in Sepiatönen gefilterten Szenen passen extrem gut zur Stimmung, mindern die Qualität aber keineswegs. Insbesondere die vielfach eingesetzten CGI-Effekte sind so herausragend gut umgesetzt, dass sie überhaupt nicht als solche auffallen – hier sei jedem das Bonusmaterial ausdrücklich nahegelegt, um zu entdecken, wie spektakulär die nachträglich generierten Ergänzungen eigentlich sind. Neben diesem ca. fünfminütigen Featurette gibt es in den Extras noch weitere 75 Minuten zusätzlichen Materials, das neben einem jeweils rund 21 Minuten langen „Making-Of“ und „Behind the Scenes“ diverse kürzere Kapitel mit Fokus auf Outtakes, Musik oder das Storyboard hat.
Klanglich dominiert vor allem die bereits lobend erwähnte Filmmusik, die sich mit einem Surroundset auch sofort im ganzen Zimmer ausbreitet. Daneben liegt der Fokus klar auf den Dialogen – was zwangsläufig aus dem davon abhängigen Informationsfluss folgt – und richtig laut wird es nur selten. Dann sind Verfolgungsjagden oder Schusswechsel allerdings auch äußerst präsent.

Fazit

Mörderland – La Isla Mínima ist ein hochgelobter spanischer Thriller, der mit einer herausragenden Atmosphäre zu begeistern weiß. Die stark erzählte Story verknüpft mehrere Ebenen und Stränge miteinander, ohne dabei den Überblick zu verlieren oder gar ermüdend zu sein. Trotzdem ist der Krimi nicht auf spektakuläre Action angewiesen, sondern besticht vor allem durch die fast den ganzen Film hindurch andauernde beklemmende Grundstimmung.

Watch|outs

Gesamt

87 %