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Kind 44

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Story/Handlung von Kind 44

Leo Demidow (Tom Hardy) hat aus schwierigen Lebensumständen einiges gemacht. Als Waise in der Ukraine aufgewachsen, hat er sich im Frühjahr 1945 einen Namen als Kriegsheld und anschließend im kommunistischen Moskau Karriere im Ministerium für Staatssicherheit gemacht. Dabei hilft ihm vor allem seine loyale Einstellung und der bedingungslose Gehorsam, mit dem er seine Befehle ausführt. Doch einges Tages ändert sich das, als sein sadistischer Kollege Wassili (Joel Kinnaman) den Tierarzt Anatoli Brodsky festnehmen will. Der wurde auf dem kleinen Bauernhof einer Familie versteckt – Wassili erschießt die Eltern nach der Festnahme Brodskys daraufhin vor den Augen ihrer beiden Töchter. Leo stellt Wassili daraufhin vor den eigenen Leuten zur Rede – eine erbitterte Feindschaft zwischen beiden ist die Folge. Zudem erfährt er kurz darauf, dass der angebliche Verräter Brodsky Mitverschwörer haben soll, darunter Leos Frau Raisa (Noomi Rapace). Leo soll sie beschatten und letztlich denunzieren.

Er verweigert sich allerdings diesem Loyalitätsbeweis, auch weil der kleine Sohn seines Kollegen und Freundes Alexei Andrejew (Fares Fares) ermordet aufgefunden wird. Offiziell gilt das Verbrechen jedoch als Unfall, schließlich sei Mord bekanntlich eine kapitalistische Krankheit. Weil Leo eigenmächtig Nachforschungen anstellt, wird er von seinem Vorgesetzen Generalmajor Kuzmin (Vincent Cassel) samt Raisa verhaftet und in die Industriestadt Wualsk verbannt. Leo wird degradiert und zur Miliz versetzt, wo er unter General Nesterow (Gary Oldman) dient. Doch auch in Wualsk wird kurz darauf ein ermordetes Kind gefunden – ähnlich zugerichtet wie Alexeis Sohn. Leo überzeugt seinen neuen Vorgesetzten, der Sache nachzugehen und gemeinsam decken sie eine ganze Mordserie auf, immer wieder begleitet von neuen Intrigen und dem puren Kampf ums Überleben. Schließlich taucht auch Leos Erzrivale Wassili wieder auf…

Filmkritik zu Kind 44

Mord, Verrat und düstere Beklemmung 22. Oktober 2015 | von

Mit dem Thriller Kind 44 setzt Regisseur Daniel Espinosa (“Safe House”) die gleichnamige Romanvorlage von Tom Rob Smith filmisch um. Direkt vorweg: Dabei weicht er allerdings in einigen relevanten Details von der Handlung des Buches ab. Und obwohl er sich mit einer Laufzeit von 140 Minuten nicht gerade kurzfasst, hetzt er seine Figuren dann doch ziemlich ruhelos durch die halb-fiktiven Ereignisse aus dem Jahr 1953 in der Sowjetunion. Hauptfigur beider Erzählungen ist Leo Demidow, ein Kriegsheld und respektierter Offizier, der seinem Land durch die Verfolgung von Verrätern und Spionen große Dienste erweist. Doch das Regime basiert auf Einschüchterung und Denunzierung, kaum jemand kann sich vor Verleumdung und deren brutalen Konsequenzen sicher sein. Der bloße Verdacht genügt, schon befindet man sich auf dem Weg ins Arbeitslager oder landet direkt vor dem Erschießungskommando. Inwieweit die sicherlich verschärfte Darstellung der Umstände eines Regimes wie der Sowjetunion der Realität entspricht, lässt sich wahrscheinlich nur einschätzen, wenn man selbst unter ähnlichen Umständen gelebt hat – mancher Zuschauer wird womöglich Parallelen zur DDR ziehen, wenngleich die im Film dargestellte Atmosphäre höchstwahrscheinlich nur die Quintessenz der Beklemmung einer solchen Gesellschaft widerspiegelt.

Nichtsdestotrotz zieht sich das düstere Klima durch den kompletten Film hindurch, nur ganz selten schimmert so etwas wie Gemütlichkeit oder Warmherzigkeit durch die immer wieder von Dunkelheit und Kälte geprägten Schauplätze. Seien es die finsteren Wohnungen in Moskau oder die absolute Trostlosigkeit der sowjetischen Provinz – der Wunsch, einmal selbst in diese Zeit einzutauchen, kommt niemals auf. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der hochkarätige Cast von Kind 44 keine Sekunde lang das Gefühl vermittelt, Schauspieler zu beobachten. Hauptdarsteller Tom Hardy hat mit seinen Leistungen bereits des Öfteren auf sich aufmerksam machen können. Seine wohl größte Rolle hatte er zwar als muskelbepackter Batman-Gegner „Bane“ im Action-Blockbuster „The Dark Knight Rises“ (an den auch Leo Demidow in einigen Einstellungen erinnert), doch erst durch seine Rollen als „Antiheld“ in „No Turning Back“ oder „The Drop“ hat er sich endgültig einen Namen als ernst zu nehmender Darsteller gemacht. In letzterem Werk stand er bereits gemeinsam mit Noomi Rapace vor der Kamera, die auch in Kind 44 erneut an Hardys Seite brilliert. Dazu gibt ihr allerdings auch das vom Roman abweichende Drehbuch Gelegenheit, denn ihre Rolle wird im Film mit wesentlich höherer Relevanz beleuchtet.

Kinnaman im Mittelpunkt

Eher unerwartet rückt auch Joel Kinnaman als Antagonist und erbitterter Rivale Demidows in den Mittelpunkt des Geschehens. Der von ihm verkörperte Wassili ist sozusagen die perfekte Darstellung des prototypischen verlogenen Feiglings. Selten dürfte ein „Bösewicht“ so schnell so massive Antipathien geschürt haben wie es Kinnaman in Kind 44 gelingt. Das rückt selbst so grandiose Schauspieler wie Gary Oldman (der ebenfalls schon des Öfteren an Hardys Seite auftrat) oder Vincent Cassel ein wenig in den Hintergrund. Leider gilt das auch für den im Vergleich zu seinen Kollegen eher unbekannten Paddy Considine, der seine Rolle – wir verraten hier nicht, welche – ebenfalls mit einer extrem packenden Intensität zum Leben erweckt und in seinen wenigen Szenen eine herausragende Leistung abliefert.

Da geraten sogar das extrem hohe Tempo und die bisweilen scheinbar zu stark vom Zufall bestimmten Episoden fast ins Vergessen. Natürlich wirkt es mitunter sehr seltsam, wenn Leo während seiner Nachforschungen mit jedem seiner Schritte auf direktem Wege seinem Ziel näher kommt – andererseits basiert die Mordserie, die Leo untersucht, ja nicht gerade auf überragender Vorsicht des Täters. Letztlich ist ja vor allem die gleichgültige Ignoranz des stalinistischen Regimes dafür verantwortlich, dass die wahren Umstände vertuscht und anstelle des wahren Täters immer wieder irgendwelche Mitglieder ungewünschter Randgruppen verurteilt werden. Das ist übrigens nicht komplett der Fantasie des Autors Smith entsprungen, der von den Taten des Serienmörders Andrei Romanowitsch Tschikatilo zu seiner Geschichte inspiriert wurde.

Dazu passt selbstverständlich die extrem düstere Darstellung, die weitestgehend durch ein sehr dunkles Bild betont wird. Dass dadurch so einige Details im tiefschwarzen Schatten versinken ist zwar kompositorisch durchaus passend, wird mit der Zeit und angesichts der langen Spieldauer aber zunehmend anstrengend – Popcornkino ist Kind 44 auch in dieser Hinsicht nicht. Zudem lässt es das detailversessene Szenenbild ein wenig zu häufig etwas zu sehr aus dem Fokus gleiten, was angesichts des großen Aufwands schon im Vorfeld der Dreharbeiten reichlich schade ist – immerhin zeigt das Bonusmaterial mit einem Making-Of auf, wie viel Arbeit hinter Kind 44 steckt (mehr als dieses Kapitel und Trailer gibt es in den Extras aber leider nicht). Nicht zuletzt deshalb sollte man sich also nach Möglichkeit für die Blu-ray entscheiden, wenn man den Thriller bestmöglich verfolgen möchte.
Der Ton ist übrigens größtenteils ebenfalls eher ruhig gehalten, lediglich die Gefechtsszenen, in denen Leo Demidows Aufstieg zum Kriegshelden festgehalten wird, lassen es mal so richtig krachen.

Fazit

Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Kind 44 in den Kinos eher mäßigen Erfolg hatte – am Film selbst kann es nicht liegen. Zwar ist die Handlung neben der Abweichung zum Roman auch etwas hektischer vorgetragen, dennoch ist die düstere Darstellung einer von Intrigen durchzogenen Gesellschaft packend und unheimlich zugleich. Die hochkarätige Besetzung sorgt zudem dafür, dass die Figuren absolut glaubwürdig wirken und innerhalb kürzester Zeit Emotionen beim Publikum wecken. Wer auch bedrückende Geschichten verträgt, sollte Kind 44 auf keinen Fall verpassen.

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Gesamt

77 %