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High-Rise

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Story/Handlung von High-Rise

Der 30-jährige Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) ist Dozent für Physiologie und hat gerade seine Ehe per Scheidung beendet. Infolge dessen zieht er in ein Appartement in einem imposanten Wolkenkratzer, der auf vierzig Etagen neben Wohnungen auch Geschäfte, Schulen, Fitnesstudios und Schwimmbäder beherbergt. Eine kleine Welt für sich, in der lediglich Menschen der Ober-und Mittelschicht leben. Deren sozialer Status entscheidet auch darüber, auf welcher Etage sie wohnen dürfen. Die oberen Stockwerke sind kinderlosen Mitgliedern der Upperclasss vorbehalten, im höchsten Stockwert residieren der Architekt und „Schöpfer“ des Gebäudes, Anthony Royal (Jeremy Irons) und seine Frau Ann (Keeley Hawes). Laing knüpft durch seine Wohnung in den mittleren Stockwerken Kontakte in beide Richtungen der vertikalen Gesellschaftsordnung, allen voran zu seiner direkt über ihm wohnenden Nachbarin Charlotte Melville (Sienna Miller) und dem Fernsehjournalisten Richard Wilder (Luke Evans) und dessen Frau Helen (Elisabeth Moss).

Während Laing zunächst vom ausgelassenen Leben im Wolkenkratzer fasziniert ist, entladen sich langsam die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsebenen und damit den Stockwerken. Zunächst betrifft dies vor allem die obersten und die untersten Etagen, die sich gegenseitig schikanieren. Zunehmend wird allerdings auch der Rest des Gebäudes in den Konflikt hineingezogen, als technische Fehler Klimaanlagen, Müllentsorgung und Aufzüge außer Betrieb setzen. Schließlich fällt auch noch der Strom aus, wodurch die Lage rapide eskaliert. Frauen werden belästigt, Gewalt greift um sich und auch Laing sieht sich plötzlich Bedrohungen ausgesetzt. Zudem wird der Supermarkt geplündert und die Verwahrlosung von Bausubstanz und Moral schreitet voran. Schließlich hat Wilder, als Bewohner des zweiten Stocks mit am stärksten von den Entwicklungen betroffen, genug. Er will Royal zur Rede stellen, weil er diesen als Verantwortlichen betrachtet. Während die übrigen Bewohner sich teilweise gegenseitig bekämpfen und andere unbeirrt ihr Partyleben fortführen, kämpft Wilder sich ein Stockwerk ums andere Richtung Royal – und Laing muss sich entscheiden, welche Rolle er im allgemeinen Chaos einnimmt.

Filmkritik zu High-Rise

Nachbarschaftskrieg par excellence 18. November 2016 | von

Bei High-Rise handelt es sich um eine Adaption des 1975 veröffentlichten Romans von James Graham Ballard (die deutsche Übersetzung erschien zunächst 1982 und 1992 unter den Titeln „Der Block“ und „Hochhaus“) und die Geschichte ist Literaturinteressierten daher womöglich bereits bekannt. Davon abgesehen ist das Konzept eines riesigen Gebäudes mit eigenen Gesetzen den Fans dystopischer Filme sicher nicht neu. Ähnliches gab es filmisch in „Dredd“ zu sehen, auch der in einem Zug spielende „Snowpiercer“ bewegt sich in einem geschlossenen Raum mit eigener, räumlich getrennter Gesellschaftsordnung. Literarisch thematisiert zum Beispiel die „Silo“-Trilogie von Hugh Howey (deren Filmrechte 20th Century Fox erwarb) ein ähnliches Szenario. Das interessante an High-Rise: Die grundlegenden Ereignisse mögen 1975 zwar eine Zukunftsvision gewesen sein, 40 Jahre später sind wir aber gar nicht so weit davon entfernt. Denn obwohl der Wolkenkratzer laut Regisseur Ben Wheatley den Bewohnern ein eigentlich sorgenfreies Leben bietet, bewirken die sozialen Unterschiede trotzdem Neid und Verlustängste – im Prinzip dieselben Faktoren, die auch im gegenwärtigen Alltag regelmäßig für ähnliche Entwicklungen sorgen. Soziologische Theorie funktioniert halt auch nur theoretisch, der Idealzustand wird aufgrund des unberechenbaren Verhaltens der beteiligten Individuen niemals erreicht.

Einem ähnlichen Problem sind Filme als Adaption einer Buchvorlage mehr als „normale“ Filme ausgesetzt, der „Idealzustand“ einer ausschließlich positiven Publikumsreaktion ist aufgrund des zwangsläufigen Vergleichs mit dem Roman unerreichbar. Dazu kommt im konkreten Fall von High-Rise, dass dieses Werk ohnehin als unverfilmbar galt und frühere Projekte bereits wieder eingestellt wurden. Und obwohl Wheatley damit (auch mit eigenen Elementen anstelle der Buchinhalte) weiter gekommen ist als andere, gelingt auch ihm nicht alles. Je weiter das Chaos im Hochhaus um sich greift, umso mehr verliert High-Rise seinen Fokus und die subtilen Untertöne und konzentriert sich stellenweise zu sehr auf die anarchischen Entgleisungen – was den eigentlichen Grundgedanken fast schon konterkariert. Obwohl Tom Hiddleston eigentlich als Hauptdarsteller positioniert wird, rückt seine Figur Robert Laing später etwas in den Hintergrund und es gibt keine wirkliche Bezugsperson mehr. Stattdessen steht die sich selbst zerstörende Gesellschaft der Hausbewohner im Mittelpunkt, in der sich das psychische Modell nach Sigmund Freud wiederspiegelt – wohl eine Folge des ursprünglichen Berufswunsches Ballards, der Psychiater werden wollte. Hier finden sich moralische Gebote als Über-Ich (vertreten durch den Architekten Royal), Bedürfnisse und Triebe als Es (in Person Wilders) und das zwischen beiden Ausprägungen vermittelnde Ich (symbolisiert durch den unter Entscheidungsdruck stehenden Laing).

Allerdings hat dies auch einen Vorteil, denn das mangelnde Identifikationspotenzial mit den Figuren ermöglichte trotz teilweise drastisch inszenierter Gewaltdarstellung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren. Übrigens sagt diese Schwäche in der Dramaturgie auch nichts über die Leistung der Darstellerinnen und Darsteller aus, die ist unabhängig davon sehr lobenswert. Insbesondere natürlich Hiddleston überzeugt mit Charme und gelegentlichen Ausflügen in tiefschwarzen Humor. Der zuletzt unter anderem als nervenstarker „Night Manager“ in der gleichnamigen Thriller-Serie in Erscheinung getretene Brite zeigt in High-Rise eine nochmal ambivalentere Darbietung als sich selbst hinterfragenden und regelmäßig seine Unsicherheit überspielenden jungen Mann. An seiner Seite treten vor allem der ruhig bis resignierend auftretende Jeremy Irons („Batman v Superman: Dawn of Justice“) und der im Gegensatz dazu energische und aggressive Luke Evans („Der Hobbit“, „Girl on the Train“) nennenswert in Erscheinung, während die weiblichen Figuren ihren Darstellerinnen zwar nicht allzu viele Freiheiten lassen. Dennoch sorgen Sienna Miller („Foxcatcher“, „American Sniper“) und Elisabeth Moss („Mad Men“) mit ihrer Leistung für ein rundes Gesamtbild der wichtigsten Charaktere.

Perfekter Look

Ebenfalls einen sehr großen Anteil am hervorragenden Eindruck von High-Rise haben die Wahl der Drehorte und des Setdesigns, das von Mark Tildesley und Paki Smith hervorragend an die Stimmung der Romanvorlage und den Stil der Siebziger Jahre angepasst wurde. Das immer etwas steril wirkende Hochhaus verstärkt den unbequemen Effekt des dort herrschenden Chaos deutlich spürbar und die vielen Details wie spiegelverkehrt aufgenommene Szenen unterstreichen die zunehmend absurde Realität im Haus.
Angesichts der Komplexität von High-Rise fällt das Bonusmaterial eigentlich trotz über einer Stunde Laufzeit schon wieder etwas zu knapp aus – und richtet sich vor allem an wissbegierige Zuschauer. Hier gibt es nämlich neben Programmtipps und dem Trailer ein kurzes Featurette (3:38 Minuten) zur Adaption des Romans sowie diverse Interview mit Cast und Crew (insgesamt rund 56 Minuten) zu sehen. Wer sich lieber auf den Hauptfilm konzentriert, wird sich an der größtenteils sehr löblichen Bildqualität freuen, insbesondere die CGI-Effekte sind hervorragend gelungen. Grundsätzlich kommen Details gut zur Geltung und die Bildsprache passt stimmungstechnisch perfekt zum Setting und den Geschehnissen. Lediglich in den dunklen Szenen gehen Details manchmal verloren. Dafür erweckt die DTS-HD-Master-Tonspur der Blu-ray das Chaos im Wolkenkratzer klanglich sehr räumlich und effektvoll zum Leben und wird mit Sicherheit dazu beitragen, dass man sich irgendwann mit offenstehendem Mund auf dem Sofa wiederfindet – wer an den falschen Stellen sein Glas nachfüllt, läuft definitiv Gefahr, sein Getränk zu verschütten.

Fazit

High-Rise ist keineswegs leichte Kost und zartbesaiteten Zuschauern könnte das Popcorn hier auch mal im Hals stecken bleiben. Cineastisch allerdings ist der Thriller ein absolutes Muss. Den Fans von Tom Hiddleston oder dystopischen Blockbustern werden die dramaturgischen Schwächen ohnehin egal sein. Und wenn man ehrlich ist, fallen die gar nicht so sehr ins Gewicht, wenn man sich letztlich eingesteht, dass so ein bisschen Anarchie ja auch nicht schaden kann…

Watch|outs

Gesamt

64 %

Regie

Ben Wheatley