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Gauguin

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Story/Handlung von Gauguin

Tahiti, 1891. Der französische Künstler Paul Gauguin (Vincent Cassel) hat sich in sein selbsterwähltes Exil nach Französisch-Polynesien zurückgezogen. Er lässt sich vom Dschungel verschlucken, trotzt Einsamkeit, Hunger und Krankheit. Während seinen Erkundungstouren über die Insel trifft er auf die junge Eingeborene Tehura, die seine Muse und auch Modell seiner bekanntesten Gemälde werden wird. Als freier Mann in der Wildnis – fernab der Politik und Regeln eines zivilisierten Europas, entwickelt er einen neuen Stil des Malens. Verstoßen von der französischen Gesellschaft und abgelehnt von den Menschen auf der Insel, führt ein Leben finanzieller Not und innerer Zerrissenheit. Als obsessiver Künstler, stets getrieben von dem Wunsch, mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen, schafft er in der Wildnis von Tahiti für seine Zeit außergewöhnliche Kunstwerke.

Filmkritik zu Gauguin

Der Traum vom Paradies 6. März 2018 | von

Genie und Wahnsinn liegen bekanntermaßen nah beieinander und Paul Gauguin darf man wohl guten Gewissens als perfektes Beispiel dafür heranziehen. So sehr er seiner Zeit unter künstlerischen Aspekten voraus gewesen sein mag, so ausbaubar waren seine Fähigkeiten als Ehemann und Vater. Egoistisch, stur, naiv – Gauguins schwieriger Charakter offenbarte so manchen negativen Zug, wenn man den diversen Quellen Glauben schenken darf. Ungeachtet dessen entschied sich Regisseur Edouard Deluc dazu, dem französischen Maler ein (weiteres) filmisches Denkmal zu setzen – jedoch ausdrücklich nicht mit der Absicht der Heldenverehrung. Statt als klassisches Biopic sieht Deluc „Gauguin“ als im wahrsten Sinne des Wortes malerischen Abenteuerfilm. Das unterstreicht er primär durch klug gewählte Bildkompositionen mit je nach Stimmung beklemmender Kulisse oder lebhaften, leuchtenden Farben und einer stets sehr natürlichen, niemals überzogenen akustischen Begleitung. Inhaltlich konzentriert Deluc sich zudem kaum auf die Absichten und Bedeutung Gauguins für die Kunstwelt, sondern vor allem um dessen Beweggründe, das zivilisierte Leben in Europa aufzugeben und gegen ein möglichst einfaches Dasein im vermeintlichen Paradies einzutauschen (wobei ihm sein später und posthumer Erfolg unzweifelhaft Recht gibt).

Diese Sehnsucht unterscheidet Gauguin auch von vielen seiner Künstlerkollegen und sein unstetes Leben hat tatsächlich genug Material für ein rasantes Biopic zu bieten. Die meisten der oft brisanten Kapitel (man denke nur an van Goghs Ohr-Verlust) kommen in „Gauguin“ allerdings überhaupt nicht zur Sprache. So wird weder auf Gauguins Vergangenheit als Börsenmakler noch auf die künstlerische Anfangsphase nach Verlust dieser Anstellung eingegangen. Im Wesentlichen konzentriert sich der Film auf Gauguins ersten Aufenthalt auf Tahiti zwischen 1891 und 1893, weicht dabei allerdings trotzdem von den realen Umständen der damaligen Reise etwas ab. So war dieser erste (vermeintliche) Ausstieg aus der Zivilisation nicht Gauguins erstes Unternehmen dieser Art – bereits 1887 verschlug es ihn zunächst nach Panama und anschließend nach Martinique, ehe ihn schwere Erkrankungen zur Rückkehr nach Frankreich zwangen. Alle diese Aspekte berücksichtigt Deluc zwar auch, strafft sie allerdings aus dramaturgischen Gründen stark und schafft damit eine Bindung an Gauguins Leben auf Tahiti und ermöglicht eine filmische Entwicklung seiner Figur.

Während Gauguin im gleichnamigen Film zunächst als naiver und missverstandener Künstler erscheint, wandelt er sich schon bald darauf zu einem immer besessener agierenden Starrkopf, der sich vollkommen unfähig zeigt, eigene Fehler anzuerkennen. Nachdem er anfänglich nur in seiner eigenen Welt zu leben scheint, zwingt er diese Vorstellung Stück für Stück seiner realen Umgebung auf und engt damit nicht nur sich sondern vor allem seine Mitmenschen zusehends ein. Dadurch gleicht Deluc zumindest ein bisschen aus, dass sein Film unangenehme Aspekte wie Gauguins Zusammenleben mit minderjährigen Mädchen auf Tahiti verschweigt (beziehungsweise die einzige Frau an seiner Seite deutlich älter erscheinen lässt) sowie weitere kolportierte Eskapaden komplett ignoriert. Doch letztlich braucht es diese Details unter dramaturgischen Gesichtspunkten gar nicht. So gerne man der Filmfigur Gauguin Sympathien entgegen bringen würde – der Darsteller Vincent Cassel macht es einem wahrlich nicht leicht. Genau deshalb ist seine Besetzung ein absoluter Glücksgriff, denn der Franzose spielt den schwierigen Charakter Gauguins als perfekte Mischung eines gebrochenen, aber stolzen Mannes. Nie hat man den Eindruck, dass hier ein Schauspieler nur eine zumindest teilweise fiktive Rolle ausfüllen könnte. Nun ist dies angesichts von Cassels Qualitäten als Schauspieler keineswegs überraschend, anders als die gar nicht so geringen Parallelen in der Biografie des Darstellers und des von ihm verkörperten Malers. Beide wurden in Paris geboren, mussten (zumindest zu Beginn ihrer Karriere) um Anerkennung kämpfen, heirateten Frauen anderer Nationalitäten (Dänemark bzw. Italien) und gingen später wieder getrennter Wege und suchten sich zudem eine Wahlheimat in Übersee (Cassel lebt in Rio de Janeiro).

Anders als Gauguin erwies sich Cassel jedoch offenbar als wesentlich umgänglicher, so dass er im Zusammenspiel mit seinen Kollegen selbst in zähen Szenen eine gesunde Dynamik beibehält. Vor allem die Begegnungen mit dem französischen Arzt Henri Vallin (Malik Zidi) pendeln beständig zwischen gegenseitigem Respekt und schwelendem Konflikt, weil Vallin den kranken Gauguin am liebsten umgehend zur Behandlung zurück nach Frankreich schicken würde. Vor allem aber führt Cassel die beiden deutlich unerfahreneren Darsteller Tuheï Adams (als seine Muse und polynesische Ehefrau Tehura) und Pua-Taï Hikutini (als sein Nachbar, Schüler und Liebhaber Tehuras) in einer im Nebenstrang erzählten Dreiecksgeschichte sicher durch unwegsames Terrain. So treibt der Abenteuerfilm auf den letzten Metern doch noch ein wenig Richtung Happy End und Gauguins Chancen auf späte Sympathien steigen, bevor der Abspann alles doch noch einmal ins Wanken bringt …

Fazit

Weitgehend frei in der Interpretation historischer Fakten erzählt Edouard Deluc mit Gauguin ein biografisches Abenteuer aus dem Leben des bedeutenden Malers. Verkörpert von einem hervorragenden und energiegeladenen Vincent Cassel erwacht der bereits 1904 verstorbene französische Künstler wieder zum Leben und beweist eindrucksvoll, warum ihn trotz aller Verdienste und bescheinigter Genialität stets auch der Ruf des Wahnsinns anhaftete.

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