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Der unsichtbare Gast

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  • Koch Films
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Story/Handlung von Der unsichtbare Gast

Der erfolgreiche Geschäftsmann und junge Familienvater Adrián Doria (Mario Casas) hat sich eine respektable Karriere aufgebaut und hat mit seiner Frau eine kleine Tochter. Doch all das füllt ihn offenbar nicht aus und so lässt er sich auf eine Affäre mit der Modefotografin Laura (Bárbara Lennie) ein. Doch ihr letztes Treffen endet tödlich – Adrián wacht in einem Hotelzimmer auf, im Bad liegt die Leiche seiner Geliebten. Kurz darauf bricht die Polizei die Tür auf und nimmt Adrián fest. Schließlich sind Türen und Fenster von innen fest verschlossen und es führt kein Weg aus dem Zimmer. Doch Adrián beteuert vehement, dass eine dritte Person im Zimmer war und ihn niedergeschlagen hat. Trotzdem sind seine Aussichten in dem Fall nicht gut, zumal sich ein weiterer Zeuge gemeldet hat.

Also empfiehlt Adrián dessen langjähriger Anwalt Félix (Francesc Orella), sich mit seiner Kollegin und Star-Anwältin Virginia Goodman (Ana Wagener) zu treffen, um seine Verteidigungsstrategie hieb- und stichfest neu zu konstruieren. Also sucht diese Adrián in dessen Stadtwohnung auf und macht ihm klar, dass er mit ihr kooperieren muss, um nicht im Gefängnis zu enden. Schnell stellt sich heraus, dass die Geschichte um Lauras Tod mehr als nur dieses eine Kapitel hat…

Filmkritik zu Der unsichtbare Gast

Spanisches Rätselraten in Perfektion 24. Februar 2017 | von

José Coronado, einer der Hauptdarsteller, erklärt im Bonusmaterial, dass man sich Der unsichtbare Gast nicht von anderen erzählen lassen, sondern den Thriller selbst anschauen soll. Man kann ihm nur beipflichten. Und zwar nicht nur, weil der spanische Film in den letzten Jahren und in diesem Genre einige spektakuläre Werke abgeliefert hat – man denke nur an „Mörderland“. Was Regisseur und Drehbuchautor Oriol Paulo hier präsentiert, setzt neue Maßstäbe in Sachen Spannung. Sehr hohe Maßstäbe sogar, denn wenn man selbst bei vermeintlich unbedeutenden Gesprächen vollkommen in die Handlung gesogen mitfiebert, hat man es mit einer wahrhaft meisterlich inszenierten Geschichte zu tun. Die stattet Paulo mit perfekten Übergängen zwischen Rückblenden und der Gegenwart aus, die trotz der vielen Zeitsprünge eine sehr gute Orientierung im Plot ermöglichen.

Paulo springt in Der unsichtbare Gast allerdings nicht nur munter zwischen den zeitlichen Episoden hin und her, er baut auch gefühlt minütlich neue Wendungen und Twists ein. Nicht untypisch für den Regisseur, der eine sehr offensichtliche Vorliebe für den Kontrast zwischen Schein und Sein besitzt und dies auch beim Titel zu beobachten ist. Im Original lautet dieser nämlich „Contratiempo“. Das bedeutet auf Deutsch „Zwischenfall“, lässt sich frei aber auch als „gegen [die] Zeit“ übersetzen. Denn um genau dieses Wettrennen geht beim Treffen zwischen Adrián und Virginia, dem zentralen Element der Handlung. Und aufgrund dieser Ausgangssituation verfällt man auch als Zuschauer schon nach spätestens zwanzig Minuten unwillkürlich ins konzentrierte Mitraten, wie sich das Geschehen letztendlich wohl entfalten mag (daher sollte man das Making-Of und die Interviews im Bonusmaterial übrigens lieber erst nach dem Hauptfilm ansehen). Das macht Paulo einem aber nicht leicht, denn wie in seinem Regiedebüt „The Body“ streut er genau geplant neue Informationen ein (und hält andere zurück – der einzige Schwachpunkt von Der unsichtbare Gast), die beim Beantworten offener Fragen immer neue Rätsel heraufbeschwören.

Sympathien ständig neu verteilt

Allerdings tragen auch die Hauptdarsteller einen großen Teil dazu bei, dass man sich ständig neu überlegen muss, wie man seine Sympathien verteilt. Im Fokus steht dabei natürlich zwangsläufig Mario Casas („69 Tage Hoffnung“, „Toro – Pfad der Vergeltung“), der zum ersten Mal in einem eher wenig auf Action ausgelegten Thriller zu sehen ist und diese Aufgabe hervorragend meistert. Womöglich hilft es ihm als jüngstem der Darsteller, dass sein Charakter Adrián so gut wie immer an der Seite anderer Figuren auftritt. Oft ist Casas dabei in weiblicher Begleitung unterwegs, häufig gemeinsam mit Bárbara Lennie („El Niño – Jagd vor Gibraltar“). Diese ergreift vor allem zu Beginn des Films ebenso wie ihre Rolle die Initiative und legt damit den Grundstein dafür, dass Casas bis zum Ende ein sehr ambivalentes Bild seiner Figur zeichnen kann.
Allerdings ist ihm dabei auch die erfahrene Schauspielerin Ana Wagener („Biutiful“) im weiteren Verlauf eine grandiose Orientierung und liefert eine gar nicht hoch genug zu lobende Darbietung, die sich eigentlich erst mit der finalen Auflösung in ihrer Gänze entfaltet. Ähnliches gilt auch für José Coronado in seiner Rolle als Tomás Garrido, der sich zunächst als der titelgebende, aber unscheinbare „Zwischenfall“ ins Geschehen mischt. Dabei wirkt er zunächst völlig anders als bei seinem Auftritt in „Jeder gegen Jeden“, ehe er der dortigen Rolle doch immer ähnlicher wird.

Der unsichtbare Gast beeindruckt übrigens nicht nur mit seiner sehr komplexen Handlung, sondern weist zudem außerordentliche technische Qualitäten auf. Das Bild ist fast immer gestochen scharf, mit hoher Ruhe und Präzision ausgestattet und verliert selbst in den vielen dunklen Szenen keine Details. Auch die Aufnahmen vor Green Screen sind in der Nachbearbeitung sehr gut gelungen und erinnern insbesondere in den letzten Einstellungen des Films stark an den ebenfalls herausragenden US-Thriller „Lucky Number Slevin“.
Allerdings weist Der unsichtbare Gast neben der hohen Bildqualität und trotz sehr sparsamer Actionszenen auch einen packenden Filmton auf. Dank der DTS HD-Master Audio 5.1-Spur sind die direktionalen Effekte und die Räumlichkeit immer wieder eine wahre Freude und wenn es doch mal etwas rasanter zugeht, kracht es auf allen Kanälen des Surroundsets sehr ordentlich. Zu der beklemmenden und packenden Atmosphäre trägt allerdings vor allem die perfekt gewählte Filmmusik bei, die dem Stimmungsbild den finalen Touch verleiht.

Fazit

Spanische Thriller sind grundsätzlich einen Blick wert und Oriol Paulo liefert mit Der unsichtbare Gast einmal mehr einen eindeutigen Beweis dafür ab. Mit einer perfekt geplanten Darstellung wickelt Paulo eine extrem wendungsreiche Handlung unter absoluter Höchstspannung ab und rückt sein hervorragendes Ensemble zielsicher in Szene.

Watch|outs

Gesamt

79 %

Regie

Oriol Paulo