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Der Flug der Störche

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Story/Handlung von Der Flug der Störche

Jedes Jahr treten die europäischen Störche instinktiv eine lange Reise in ihre Winterquartiere in Afrika an. Doch nicht alle kehren zurück. Der Schweizer Ornithologe Max Böhm (Danny Keogh) schöpft Verdacht, als zahlreiche Exemplare wortwörtlich auf der Strecke bleiben. Also beauftragt er den jungen Engländer Jonathan Anselme (Harry Treadaway) damit, der Route der Störche durch Südosteuropa, Israel und Afrika zu folgen und ihr Verschwinden aufzuklären. Anselme ist als Kind eines englischen Arztes im Kongo aufgewachsen und nach dem Tod seiner Eltern von Pflegeeltern adoptiert worden, die wiederrum bis zu ihrem Tod in der Nachbarschaft von Böhm in Montreux lebten. Dorthin kehrt auch Jonathan zurück, um vor der Weiterreise noch einmal den Auftrag mit Böhm zu besprechen. Doch als er dessen Haus erreicht, findet er den Wissenschaftler tot in einem Storchennest.

Als kurz darauf die Polizei eintrifft, ist Jonathan trotz des Schocks entschlossen, seinen Auftrag dennoch zu erfüllen. Der ermittelnde Polizist Hervé Dumaz (Clemens Schick) lässt ihn die Reise antreten, obwohl er Jonathan offensichtlich nicht vollends traut – schließlich hat Jonathan das Polizeisiegel an Böhms Haus aufgebrochen. Der undurchsichtige Dumaz trägt Jonathan noch auf, sich regelmäßig bei ihm zu melden. Anschließend macht sich Jonathan auf den Weg nach Sofia, wird dabei allerdings bereits von zwei Fremden verfolgt, die auch prompt seine Kontaktleute aus dem Weg räumen. Jonathan entkommt und setzt seine Reise fort. In Israel trifft er auf Sarah Gabbor (Perdita Weeks), mit der er eine Affäre beginnt, ehe sie unvermittelt verschwindet und nach Europa aufbricht.

Währenddessen hat Dumaz in Europa weitere Ermittlungen angestellt und herausgefunden, dass sowohl der Tod von Anselmes Eltern, das Ableben von Böhm und das Verschwinden der Störche miteinander zusammenhängen. Zeitgleich muss auch Jonathan feststellen, dass seine eigene Vergangenheit offenbar nicht seinen Vorstellungen entspricht – und dass die verschwundenen Störche plötzlich sein kleinstes Problem darstellen…

Filmkritik zu Der Flug der Störche

22. Juli 2019 | von

Romanvorlage frei interpretiert

Basierend auf dem gleichnamigen Roman des Franzosen Jean-Christophe Grangé wurde Der Flug der Störche bereits 2013 verfilmt und auf Canal+ als zweiteiliger Fernsehfilm ausgestrahlt. Die Handlung des Romans ist dabei zwar im Wesentlichen übernommen worden, weicht allerdings in diversen Details doch relativ stark davon ab. So wird die Figur Max Böhm von Regisseur Jan Kounen (der selbst eine kleine Nebenrolle spielt) zum Beispiel wesentlich weniger ausgeleuchtet als im Roman und einige angedeutete Nebenstränge werden zugunsten der Haupthandlung geopfert. Anders wäre die Umsetzung aber wohl auch nicht möglich gewesen. Denn trotz der Laufzeit von 124 Minuten ist es schwer, die unglaublich komplexe Story von Der Flug der Störche ganzheitlich zu erfassen. Im Buch kann man dann noch einmal schnell zurückblättern, im Film ist das etwas komplizierter – zumal Kounen ganz bewusst mit Andeutungen spielt, um das Ende nicht vorweg zu nehmen.

Betrachtet man die Story für sich, ist das Geheimnis, das Jonathan nach und nach erfährt, eine unglaublich grausame und brutale Geschichte – inszeniert wird Der Flug der Störche aber ganz anders. Viele Szenen spielen bei Tageslicht und an farbenfrohen Schauplätzen. Die Sequenzen, in denen Jonathan im Rauschzustand ist (wahlweise durch Alkohol, Drogen oder ein Narkotisiakum) wirken allerdings im krassen Gegensatz dazu sehr verstörend und setzen die jeweils herrschende Stimmung des Protagonisten sehr greifbar um. Allerdings ist Der Flug der Störche kein Film, den man „mal so nebenbei“ anschaut – wer hier nicht ständig am Ball bleibt, verpasst sofort den Anschluss an die komplexe Handlung.

Clemens Schick als heimlicher Hauptdarsteller

Allerdings fällt es ziemlich schwer, sich nicht auf das Geschehen auf der Leinwand zu konzentrieren. Das gilt vor allem für die Szenen, in denen Clemens Schick als Polizist Hervé Dumaz auftaucht. Besonders im Originalton beeindruckt der deutsche Schauspieler mit einer Darbietung in Englisch, Deutsch und Französisch, zwischen denen er scheinbar problemlos wechselt. In der deutschen Synchronisation (die er natürlich auch selbst eingesprochen hat) verliert sich dieser Effekt zwar, doch die brillante Verkörperung des undurchsichtigen Ermittlers bleibt auch hier. Wie eine perfekte Choreografie wirken die Dialoge mit Hauptdarsteller Harry Treadaway, von denen besonders ein Frage-Gegenfrage-Spielchen im letzten Gespräch der beiden vor Jonathans Abreise eine hervorragende Anspielung auf die Realität beinhaltet.

Leider ist durch den Fokus auf die Charaktere von Treadaway und Schick wenig Platz zur Entfaltung für die übrigen Figuren. Perdita Weeks kann sich als „Love Interest“ des Protagonisten noch ein wenig in den Vordergrund rücken, andere durchaus als Schlüsselfiguren auftretende Charaktere gehen aber in der Komplexität der Handlung etwas unter – was es auch dem Zuschauer mitunter schwer macht, die auftretenden Figuren zuordnen zu können. Allerdings hat das auch den schönen Nebeneffekt, dass man Der Flug der Störche durchaus ein zweites Mal schauen kann – selbst, wenn man bereits die Buchvorlage gelesen hat.

Ein wenig schade ist angesichts dieser Komplexität, dass die Blu-ray kein Bonusmaterial zum Film enthält. Lediglich einige Trailer zu anderen Filmen sind vorhanden (hier sei allerdings Fans von Clemens Schick auch der Film „Point Break“ ans Herz gelegt). Technisch allerdings ist die Disc einwandfrei, das Bild weist kaum Schwächen auf und verliert nur in dunklen Szenen ein wenig an Schärfe. Der Ton ist selten richtig gefordert, macht dann aber ordentlich Rabatz und trägt mit der passenden Kameraführung und Schnitttechnik ein Hineinversetzen in den Film schnell möglich ist. Wer des Englischen mächtig ist, sollte des Gesamteindrucks wegen auf jeden Fall die englische Originaltonspur aktivieren, ansonsten ist die deutsche Synchronisation allerdings auch eine sehr gut gemachte Alternative.

Fazit

Dank seiner recht freien Interpretation der Romanvorlage ist Der Flug der Störche durchaus als eigenständiges Werk zu betrachten. Und das ist außerordentlich gut gelungen. Ein wenig erinnert die Grundstimmung an „Die purpurnen Flüsse“, wenngleich Regisseur Jan Kounen den Thriller hier in weitaus weniger düsteren Bildern präsentiert. An der zugrunde liegenden Grausamkeit des im Laufe des Films aufgedeckten Geheimnisses aus Jonathan Anselmes Vergangenheit ändert das allerdings nichts. Für Der Flug der Störche sollte man also besser nicht allzu zart besaitet sein…

Watch|outs

Gesamt

75 %

Regie

Jan Kounen