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Amelie rennt

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Story/Handlung von Amelie rennt

Wenn man so richtig sauer ist, soll man ja erstmal tief durchatmen. Für die dreizehnjährige Amelie (Mia Kasalo) ist das allerdings kein besonders brauchbarer Rat. Sie leidet an schwerem Asthma und genau das ist häufig – direkt oder indirekt – der Grund für ihre schlechte Laune. Neben der Tatsache, dass sie ständig zwischen ihren getrennt lebenden Eltern  (Susanne Bormann  und Denis Moschitto) hin- und hergeschoben wird oder dass ihr Asthma körperliche Aktivitäten weitgehend einschränkt. Erschwerend kommt hinzu, dass Amelie nicht nur grundsätzlich ziemlich stur ist, sondern auch eine echte Berliner Göre, die sich allgemein wenig vorschreiben lässt und dafür umso vehementer ihre Meinung kundtut. Keine Frage, dass sie nach einem erneuten Asthma-Anfall überhaupt nichts davon hält, sich in einer Klinik in Südtirol behandeln zu lassen. Nur äußerst widerwillig tritt sie die Reise mit ihren Eltern an und nimmt unmittelbar nach der Ankunft in den malerischen Alpen den Kampf gegen alles und jeden auf. Gegen die behandelnde Ärztin Dr. Murtsakis (Jasmin Tabatabai), gegen die ihr zugeteilte Zimmernachbarin Steffi (Shenia Pitschmann) und sogar gegen den einheimischen Jungen Bart (Samuel Girardi), obwohl der Amelie das Leben rettet, ihr von einer lokalen Legende berichtet und sie anschließend sogar bei einem abenteuerlichen Aufstieg auf den höchsten Gipfel der Umgebung begleitet – was tatsächlich eine Veränderung bei Amelie bewirkt…

Filmkritik zu Amelie rennt

Zwei Gipfelstürmer gegen den Rest der Welt 18. April 2018 | von

So simpel die Geschichte von Amelie rennt auf den ersten Blick erscheinen mag, so komplex stellt sie sich bei genauerer Betrachtung dar. Kein Wunder, dass als offizielles Genre der Familienfilm angegeben wird, obwohl die gesamte Palette vom Drama über Abenteuer und Road Movie bis hin zum Coming-of-Age reicht. Das aus diesem wilden Mix ein sehr harmonisches Gesamtbild wird (das übrigens auch stark von der wunderschönen Alpenkulisse profitiert), verdankt Amelie rennt nicht nur dem Fingerspitzengefühl von Regisseur Tobias Wiemann, der das hervorragende Drehbuch von Natja Brunckhorst und Jytte-Merle Böhrnsen punktgenau umzusetzen versteht, sondern auch der namhaften Besetzung, die u.a. mit Susanne Bormann („Tatort“, „Russendisko“, „Rubbeldiekatz“), Denis Moschitto („Aus dem Nichts“, „Volt“), Jasmin Tabatabai („Strawberry Bubblegums“, „Kommissarin Lucas“) und dem ebenso facettenreichen wie unterschätzten David Bredin („Tatort“, „Das kalte Herz“, „Nord bei Nordwest“) hochkarätige Namen vorweisen kann. Im Mittelpunkt stehen allerdings zwangsläufig Hauptdarstellerin Mia Kasalo („Blindgänger“, „Das Pubertier“) und Samuel Girardi. Während Letzterer vor allem mit seiner liebenswürdigen Art Sympathiepunkte sammelt, muss Kasalo zunächst als reichlich zickiges Mädel das Publikum gegen sich aufbringen, um anschließend langsam die zum Selbstschutz aufgesetzte Maske wieder abzulegen. Das gelingt der jungen Darstellerin (Jahrgang 2003) dank ihres natürlichen Charisma allerdings unfassbar gut und man kann ihr nur wünschen, auch in Zukunft ihrem Talent entsprechende Rollenangebote zu bekommen.

Angesichts der starken Darbietung Kasalos fällt es auch gar nicht so sehr auf, dass es die schön erzählte Geschichte mit der Realität nicht immer ganz so ernst nimmt. Dafür geht es auch zu sehr um die Amelie rennt zugrunde liegende Botschaft als um die Story an sich. Speziell in Jugendfilmen ist das ein unausweichlicher Kompromiss, um das „Du kannst alles schaffen“-Gerüst nicht unmittelbar nach Beginn des Abenteuers in seinen Grundfesten zu erschüttern. Genau darum geht es schließlich in Amelie rennt, um die Fähigkeit und den Mut, Dinge zu hinterfragen und voreilig auferlegte Grenzen erst einmal auf die Probe zu stellen, um sich nicht unnötig einengen zu lassen. Was übrigens nicht nur für Amelie und ihr Asthma gilt, sondern auch für den vorwitzigen Bart, der mit jugendlicher Kreativität und großzügiger Auslegung der Realität aus der verstaubten Berufsbezeichnung „Hirte“ den fortschrittlich klingenden „Herden-Manager“ macht. Ein schöner Seitenhieb auf das seltsame Phänomen, die Arbeitswelt mit englischen Begriffen auszuschmücken, was in Konsequenz unter anderem dazu führt, dass mittlerweile jeder noch so kleine Möchtegern-Influencer als „CEO & Founder“ firmiert. Da passt es nur zu gut, dass ausgerechnet ein vermeintlich rückständiger, jugendlicher Alpenbewohner den modernen Großstädtern den Spiegel vorhält und zumindest Teile ihrer Weltanschauung – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Spitze treibt.

Fazit

Amelie rennt gelingt es mit einer spannend erzählten Geschichte und der sehr ansehnlichen Kulisse, all jenen Mut zu machen, die sich vom Schicksal unfair behandelt fühlen. Aufgeben ist keine Option und Grenzen sind da, um sie zu überwinden. Für ältere Semester mag das wahlweise ein wenig zu platt oder zu romantisch klingen, für Jugendliche an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenalter bietet das Gipfelstürmer-Abenteuer von Amelie und Bart aber hohes Identifikationspotenzial und Botschaften, die aus Prinzip wohl nicht einmal halb so gut ankommen würden, wenn sie von den eigenen Eltern ausgesprochen würden…

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